Rotationsgebäude der Universität Bonn
Flexibles Labor- und Lehrgebäude
am Campus Poppelsdorf
Am Campus Poppelsdorf der Universität Bonn wurde ein viergeschossiges Rotationsgebäude als flexibler Baustein für Forschung und Lehre realisiert. Es dient der temporären Aufnahme von Instituten während anstehender Sanierungsmaßnahmen und ist auf wechselnde Nutzungsanforderungen ausgelegt.
Bergstermann & Dutczak entwerfen ein Gebäude, dass die Stärken von konventioneller Stahlbeton-Bauweise und vorgefertigter Modulbauweise vereint und begleitet die Planung bis in die künstlerische Oberleitung.
Projektdaten
Projekt: Rotationsgebäude Campus Poppelsdorf
Bauherr: Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB NRW)
Nutzer: Universität Bonn
Projektzeitraum: Planung bis August 2022, Fertigstellung 2024
Bruttogrundfläche: 15.550 m²
Bauweise: Hybride Bauweise (Modulbau + konventionelle Bauweise)
Leistung: Objektplanung LP 2–8
Projektanlass und Zielsetzung
Die Universität Bonn benötigt während umfangreicher Sanierungsmaßnahmen auf dem Campus Poppelsdorf temporäre, jedoch langfristig nutzbare Flächen für Forschung und Lehre.
Ziel war ein Gebäude, das mehrere aufeinanderfolgende Nutzungszyklen aufnehmen kann. Neben klassischen Büro- und Seminarräumen sollten insbesondere technisch anspruchsvolle Laborflächen untergebracht werden. Die Struktur musste daher sowohl organisatorische Flexibilität als auch konstruktive Robustheit gewährleisten.
Städtebauliches und landschaftliches Konzept
Der Neubau liegt im südöstlichen Bereich des Campus Poppelsdorf zwischen Carl-Troll-Straße und Käthe-Kümmel-Straße. Er bildet den baulichen Abschluss des neu entwickelten Campusareals und grenzt an eine Gartenanlage des Campus.
Der Haupteingang orientiert sich zum Campuszentrum nach Nordwesten. Ein zurückspringender, verglaster Eingangsbereich mit Foyer markiert die Adresse. Vertikale Glasfugen gliedern den Baukörper und stellen Sichtbezüge zwischen Campus, Atrium und Innenräumen her.
Architektonisches Gesamtkonzept
Das Gebäude ist als viergeschossiger Baukörper mit zurückspringendem Technikgeschoss konzipiert. Ein zentrales Atrium verbindet alle Ebenen räumlich und führt bis ins Untergeschoss.
Die Haupttreppe ist als skulpturales Element im Luftraum angeordnet und übernimmt eine identitätsstiftende Funktion. Sie verbindet die öffentlich zugänglichen Lehrbereiche mit den darüberliegenden Labor- und Büroflächen.
Die Grundrissorganisation folgt einer klaren Zonierung:
- öffentliche und stark frequentierte Bereiche im Umfeld des Foyers,
- abgeschlossene Laboreinheiten in den Gebäudeflügeln,
- interne Kommunikationszonen an den Schnittstellen der Nutzungseinheiten.
Nutzung und innere Struktur
Das Rotationsgebäude vereint Hörsaal, Seminar- und Computerräume, Büroräume sowie mehrere eigenständige Laboreinheiten in einer klar strukturierten Gebäudelogik.
Öffentliche Lehrbereiche
Im Erdgeschoss und in unmittelbarer Nähe zum Haupttreppenhaus befinden sich der Hörsaal sowie mehrere Seminar- und Computerräume. Diese Räume sind bewusst dem offenen Erschließungsbereich zugeordnet.
Der Hörsaal ist barrierefrei erreichbar und verfügt über ausgewiesene Rollstuhlplätze. Die Seminar- und Gruppenräume sind flexibel möblierbar und ermöglichen unterschiedliche Lehrformate – von klassischer Frontallehre bis zu projektorientierten Arbeitsformen.
Nicht fest zugeordnete Büroräume sowie Verwaltungs- und Prüfungsfunktionen sind ebenfalls im allgemein zugänglichen Gebäudebereich verortet.
Laboreinheiten
Die Laboreinheiten sind in Clustern organisiert. Jede Einheit ist über einen eigenen Zugang vom Haupttreppenhaus oder aus der Seminarzone erreichbar. Dadurch wird sichergestellt, dass keine Nutzungseinheit durchquert werden muss, um eine andere zu erreichen.
Unmittelbar hinter dem jeweiligen Zugang befinden sich zugeordnete Büroräume, gefolgt von Umkleiden für wissenschaftliche Mitarbeitende. Die eigentlichen Laborräume schließen daran an.
Die Struktur erlaubt sowohl S1-/S2-konforme Laborbereiche mit mechanischer Lüftung als auch Räume ohne besondere Sicherheitsanforderungen mit natürlicher Lüftungsmöglichkeit.
Besondere Anforderungen an das Schwingungsverhalten werden konstruktiv berücksichtigt. Im Untergeschoss sowie in ausgewählten Bereichen der Obergeschosse können Geräte mit erhöhten Last- und Stabilitätsanforderungen aufgestellt werden. Im Bereich der Raummodule wurden im Modulboden integrierte massive Betoninseln dafür vorgesehen.
Im Untergeschoss gruppieren sich zusätzliche Büro- und Laborflächen um das Atrium. Diese Bereiche sind so konzipiert, dass sie in späteren Nutzungszyklen in schwingungsarme Speziallabore umgewandelt werden können.
Interne Kommunikationsbereiche
Im südöstlichen Gebäudeteil treffen mehrere Laboreinheiten aufeinander. Hier sind gemeinschaftlich genutzte Besprechungs- und Pausenräume sowie eine Teeküche angeordnet. Diese Zone dient dem informellen Austausch zwischen unterschiedlichen Fachrichtungen.
Die räumliche Nähe von Lehrbereichen, Laboren und Kommunikationsflächen unterstützt kurze Wege und eine enge Verzahnung von Forschung und Lehre.
Logistik und Erschließung
Die Anlieferung erfolgt getrennt vom Publikumsverkehr über einen separaten Zugang auf der Nordostseite. Ein Lastenaufzug erschließt alle Geschosse. Müll- und Lagerräume sind dem Untergeschoss zugeordnet.
Flurbreiten, Türmaße und Rettungswege entsprechen den Vorgaben der Unterlage Organisation, Nutzung und Betrieb sowie den Anforderungen an Flucht- und Rettungswege. Jede Laboreinheit verfügt über zwei unabhängige Rettungswege.
Konstruktion und Bauweise
Das Gebäude gliedert sich in vier Bauabschnitte. Untergeschoss sowie die Bauabschnitte 1 und 3 wurden in Stahlbetonbauweise errichtet. Die Bauabschnitte 2 und 4 sowie das Technikgeschoss entstanden in Modulbauweise.
Insgesamt wurden 141 vorgefertigte Stahlmodule eingesetzt. Die Module wurden werkseitig inklusive wesentlicher Haustechnikkomponenten vorproduziert.
Die Tragstruktur ist flächendeckend auf 5 kN/m² ausgelegt, in Teilbereichen auf 6 kN/m². Installationszonen und Deckenschotts sind so angeordnet, dass spätere Grundrissänderungen ohne Eingriff in Haupttrassen erfolgen können.
Material- und Nachhaltigkeitsstrategie
Die Fassaden unterscheiden zwischen Labor- und Bürobereichen.
Die Laborfassaden sind als horizontale Bandfassaden mit geschlossenen Brüstungsfeldern und gegliederten Fensterbändern ausgebildet. Bewegliche Raffstores dienen dem Sonnenschutz. Die Bürobereiche erhalten eine Lochfassade mit öffenbaren Fenstern zur natürlichen Be- und Entlüftung. Das Hauptdach ist extensiv begrünt. Das Dach der Technikzentrale ist für eine Photovoltaikanlage vorbereitet.
Der hohe Vorfertigungsgrad der Modulbauweise reduzierte Bauzeit und witterungsbedingte Risiken und ermöglichte eine präzise Ausführung.
Projektstand
Das Rotationsgebäude wurde im September 2024 in Betrieb genommen. Im ersten Nutzungszyklus bezogen Teile der Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften sowie die Physik das Gebäude. Die Verlagerung der Physik aus der Nußallee steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der von Bergstermann & Dutczak Architekten betreuten Grundinstandsetzung des Physikalischen Instituts der Universität Bonn, Nußallee 12. Während der baulichen Erneuerung des Institutsensembles dient das Rotationsgebäude als Interimsstandort und gewährleistet so die kontinuierliche Fortführung von Forschung und Lehre.
Im Rahmen der weiteren Nutzung werden derzeit erste Umbaumaßnahmen im 3. Obergeschoss umgesetzt. Der künftige Nutzerwechsel wurde zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Neubaus bekannt; kurz darauf wurden Bergstermann & Dutczak Architekten mit einer entsprechenden Umplanung beauftragt. Die Flächen einer abgeschlossenen Laboreinheit sind an veränderte Anforderungen anzupassen. Das Raumprogramm wurde in enger Abstimmung mit der Nutzerin entwickelt. Die neue Raumanordnung ist so konzipiert, dass der bauliche Aufwand auf ein Minimum reduziert wird.
Neue Trennwände werden an bereits vorgerüsteten Deckenschürzen befestigt, sodass keine Abbruchmaßnahmen erforderlich sind. Das ursprünglich als Lehrlabor mit 64 Plätzen geplante Großraumlabor wird in fünf separate Laborräume für Forschungs- und Lehrzwecke der Biochemie und Molekularen Biologie unterteilt. Die Laboreinheit ist als S1-Bereich ausgeführt und verfügt über vorgelagerte Büroräume im Eingangsbereich, eigene Umkleiden sowie eine Kommunikationszone mit Blick in das Atrium.
Die modulare Gebäudestruktur ermöglicht diese Umnutzungen mit vergleichsweise geringen Eingriffen in die Hauptkonstruktion und die technischen Installationen
Inhalte von Youtube werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf “Zustimmen & anzeigen”, um zuzustimmen, dass die erforderlichen Daten an Youtube weitergeleitet werden, und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutz. Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen. Gehe dazu einfach in deine eigenen Cookie-Einstellungen.
Einblicke im Videoformat
Vertiefende Eindrücke zur architektonischen Konzeption, zur inneren Organisation und zur räumlichen Wirkung vermittelt die dokumentierte Video-Roomtour durch das Rotationsgebäude.
Fotos: © Sonja Speck
Planzeichnungen: © Bergstermann + Dutczak Architekten Ingenieure.
Dargestellt ist der aktuelle Planungsstand, Änderungen vorbehalten.